„13 Jah­re Dau­er­frust der Au­to­fah­rer“ In­ter­view:

Statt schon im Jahr 2005 den Aus­bau der A643 vor­an­zu­trei­ben, wur­de den Um­welt­schüt­zern et­was vor­ge­macht – sagt der CDU-Po­li­ti­ker Gerd Schrei­ner 

WIES­BA­DEN/MAINZ. Hes­sen baut, Rhein­land-Pfalz schaut: Wäh­rend die neue Schiers­tei­ner Brü­cke mit sechs Spu­ren in Hes­sen schon in we­ni­gen Jah­ren fix und fer­tig sein wird, hat das Land Rhein­land-Pfalz so­eben erst den Bau­an­trag für die sechs­spu­ri­ge A643 ein­ge­reicht. Es könn­te noch ein Jahr­zehnt dau­ern, bis hier die er­sten Au­tos auf der aus­ge­bau­ten Au­to­bahn fah­ren wer­den. Wir spra­chen da­zu mit dem Main­zer CDU-Ab­ge­ord­ne­ten Gerd Schrei­ner. 

Herr Schrei­ner, der Ver­kehrs­mi­nis­ter hat jetzt den An­trag für Plan­fests­tel­lung zum sechs­spu­ri­gen Aus­bau der A643 bei Mainz ein­ge­reicht. Freu­en Sie sich? 

Wir wis­sen seit 2005, dass die Vor­land­brü­cke bei Mainz ab­ge­ris­sen und neu ge­baut wer­den muss. Die Re­gie­rung hat jetzt 13 Jah­re ge­braucht, nur um die Un­ter­la­gen zu­sam­men­zu­stel­len. Wir ha­ben seit 13 Jah­ren Dau­er­frust der Au­to­fah­rer und ei­ne schwie­ri­ge Si­tua­ti­on für die Wirt­schaft auf bei­den Rhein­sei­ten. Das ist wahr­lich kein Grund zur Freu­de. Auch wur­de der Ter­min im­mer wie­der ver­scho­ben. 

Der am­tie­ren­de Ver­kehrs­mi­nis­ter Vol­ker Wiss­ing ist doch nicht der rich­ti­ge Adres­sat der Kri­tik. Er darf ja nur aus­löf­feln, was ihm an­de­re ein­ge­brockt ha­ben… 

Die ge­sam­te Lan­des­re­gie­rung steht in der Kri­tik. In Hes­sen hat man es ge­schafft, trotz Vo­gel- und Na­tur­schutz­ge­biet ei­ne neue Brü­cke samt Vor­land­brü­cke zu bau­en. Dort wur­de vom er­sten Tag an kons­truk­tiv das Ge­spräch mit den Um­welt­schüt­zern ge­sucht. In Gei­sen­heim wird ein Rhei­narm als Aus­gleich re­na­tu­riert. Des­halb hat man es in Hes­sen oh­ne Kla­gen ge­schafft. Auf rhein­land-pfäl­zi­scher Sei­te hat man den Um­welt­schutz­ver­bän­den mit run­den Ti­schen über Jah­re et­was vor­ge­macht, an­statt klar die Kar­ten auf den Tisch zu le­gen. So führt kein Weg da­ran vor­bei, dass ne­ben der al­ten Vor­land­brü­cke ei­ne neue ge­baut wer­den muss. Statt­des­sen wur­de so ge­tan, als kön­ne man mit ei­ner „4+2-Lö­sung“ mit dem be­ste­hen­den Brü­cken­bau­werk et­was ma­chen. Es war aber vom er­sten Tag an klar, das funk­tio­niert nicht. Der Brü­cken­trä­ger ist ka­putt. Das ist üb­ri­gens kein Vor­wurf an die Um­welt­schüt­zer, die ma­chen nur ih­ren Job. 

Was ist Ih­re Ein­schät­zung: Wann wer­den die er­sten Au­tos auf der sechs­spu­ri­gen A643 bei Mainz fah­ren kön­nen? 

Das wird um 2030 sein. Bis zu die­sem Zeit­punkt wer­den Au­to­fah­rer aus Hes­sen nur über ei­ne S-Kur­ve mit Tem­po­re­du­zie­rung nach Rhein­land-Pfalz kom­men. Wenn man be­denkt, dass der Neu­bau der Schiers­tei­ner Brü­cke und der Aus­bau der A643 die wich­tigs­ten Bau­vor­ha­ben hier in der Re­gi­on sind, dann kann man das nur noch als Ar­muts­zeug­nis der SPD-ge­führ­ten Lan­des­re­gie­rung wer­ten. 

Ist nicht die Quin­tes­senz die­ses Brü­cken­cha­os, dass man künf­tig Pla­nung und Bau aus ei­nem Guss braucht, auch län­der­über­grei­fend? 

Es gab ja ei­nen Ver­trag zwi­schen Hes­sen und Rhein­land-Pfalz für die­ses Pro­jekt. Al­ler­dings woll­te Rhein­land-Pfalz von dem Ver­trag dann nichts mehr wis­sen. 

Hät­te der Bau­un­fall 2015 ei­gent­lich ver­hin­dert wer­den kön­nen? 

Statt ei­ne neue Vor­land­brü­cke zu pla­nen und zu bau­en, wur­de ver­sucht, die al­te an der Ver­bin­dung zur neu­en Schiers­tei­ner Brü­cke zu er­tüch­ti­gen. Da­zu hat man Un­men­gen von Ze­ment­mör­tel in den Bo­den hin­ein­ge­presst, um dann kopf­schüt­telnd da­vor zu ste­hen, wa­rum denn so viel da­von im Bo­den ver­schwin­det. Und an­statt dann mal in­ne­zu­hal­ten, kam die An­wei­sung: Wei­ter­ma­chen. Dann darf man sich doch nicht wun­dern. Wir kön­nen nur froh sein, dass nie­mand zu Scha­den ge­kom­men ist. Das Kern­pro­blem ist das Jahr 2005. Da hät­te man die Pla­nun­gen zum Neu­bau der Brü­cke be­gin­nen müs­sen. 

Das In­ter­view führ­te Mar­kus Lach­mann. 

ZUR PER­SON 

Gerd Schrei­ner, 48, ge­bür­ti­ger Main­zer, Ar­chi­tekt . Ver­hei­ra­tet, drei Kin­der. 

Seit 1987 in der CDU, seit 1997 Ab­geord­ne­ter im rhein­land-pfäl­zi­schen Land­tag . Im Land­tag ist er haus­halts- und fi­nanz­po­li­ti­scher Spre­cher und Be­auf­trag­ter für Bar­rie­ref­rei­heit, In­klu­si­on und Teil­ha­be der CDU-Frak­ti­on. Von 1999 bis 2014 war er Mit­glied im Main­zer Stadt­rat.

Kle­ckern statt Klot­zen Haus­halt als Boot­camp: Hin­ter den Ab­ge­ord­ne­ten im Land­tag lie­gen ar­beits­rei­che Wo­chen

 Von Mar­kus Lach­mann MAINZ.

Der Haus­halt ist so et­was wie die Kö­nigs­dis­zi­plin ei­nes Par­la­ments. Die eher­ne Re­gel lau­tet: Kein Haus­halt wird so ver­ab­schie­det, wie ihn die Re­gie­rung vor­ge­legt hat. Das gilt auch für den rhein­land-pfäl­zi­schen Land­tag. Über Wo­chen ha­ben nun SPD, Grü­ne, FDP, AfD und CDU über dem Zah­len­werk ge­brü­tet, rund ein Dut­zend Sit­zun­gen des Haus­halts­aus­schus­ses ab­sol­viert, in­ter­ne Mee­tings an­be­raumt, Tref­fen in­ner­halb der Am­pel-Koa­li­ti­on an­ge­setzt, Ge­sprä­che mit Mi­nis­te­ri­en ge­führt. Ge­ra­de für klein­ere Frak­tio­nen ist das ei­ne un­glau­bli­che En­er­gie­leis­tung. „Man geht schon auf dem Zahn­fleisch“, be­rich­tet Pia Schell­ham­mer, par­la­men­ta­ri­sche Ge­schäfts­füh­re­rin der Grü­nen, oh­ne dass es lar­moy­ant wirkt. Nur Wahl­kampf­zei­ten sei­en in­ten­si­ver. Am Frei­tag lief die Frist für die Frak­tio­nen ab, um ih­re so­ge­nann­ten Deck­blät­ter ein­zu­rei­chen. Das sind, ver­ein­facht aus­ge­drückt, Än­de­rungs­an­trä­ge zum Haus­halts­ent­wurf der Lan­des­re­gie­rung. Die Crux: Je­de zu­sätz­li­che Aus­ga­be muss ge­gen­fi­nan­ziert sein. Luft­schlös­ser sind ge­ra­de den Koa­li­ti­ons­frak­tio­nen SPD, FDP und Grü­nen nicht er­laubt. So müs­sen die­se ei­ne Ge­gen­fi­nan­zie­rung in­ner­halb des sel­ben Mi­nis­te­ri­ums vor­le­gen, in dem die Aus­ga­be ge­sche­hen soll. Das ist in Res­sorts mit tra­di­tio­nell klei­nem Etat wie et­wa dem In­teg­ra­ti­ons­mi­nis­te­ri­um kniff­li­ger als bei­spiels­wei­se im mäch­ti­gen In­nen­mi­nis­te­ri­um. Man­ches Mi­nis­te­ri­um hat „ei­ge­ne Ein­nah­men“, et­wa das Um­welt­mi­nis­te­ri­um mit dem Was­ser­cent. 100 Deck­blät­ter wur­den am Frei­tag ein­ge­reicht Wie zu hö­ren ist, ha­ben die Koa­li­ti­ons­frak­tio­nen rund 115 Deck­blät­ter ein­ge­reicht. Das Vo­lu­men, das von den Drei­en be­wegt wird, dürf­te im zweis­tel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich lie­gen. Je­der hat ver­sucht, ei­ge­ne Schwer­punk­te zu set­zen – Ge­naue­res soll am Mon­tag be­kannt ge­ge­ben wer­den. Bei den Grü­nen sind das bei­spiels­wei­se die The­men Frau­en, De­mo­kra­tie, Kampf ge­gen rechts, Um­welt und Kli­ma; bei der FDP Land­wirt­schaft/Wirt­schaft und Te­le­me­di­zin. Die SPD wie­der­um küm­mert sich um ih­re Häu­ser, das heißt In­ne­res, Bil­dung, Wis­sen­schaft und Ar­beit/So­zia­les. Es sind nicht im­mer die Rie­sen­sum­men, die be­wegt wer­den, son­der auch Kleinst- und Kle­cker­be­trä­ge. Bei den kon­flikt­rei­chen The­men müs­sen sich auch schon ein­mal die drei Frak­ti­ons­chefs zu­sam­men­set­zen: Chef­sa­che. Aber al­les in al­lem geht es sehr sach­lich zu, be­tont Schell­ham­mer. Das ganz gro­ße Rad wol­len die bei­den Op­po­si­ti­ons­frak­tio­nen dre­hen, auch wenn die meis­ten ih­rer An­trä­ge ab­ge­schmet­tert wer­den dürf­ten. So­zu­sa­gen Ab­la­ge „P“ der Re­gie­rung. Die CDU hat nach An­ga­ben ih­res haus­halt­spo­li­ti­schen Spre­chers Gerd Schrei­ner 150 Deck­blät­ter ein­ge­reicht. Das Vo­lu­men im Dop­pel­haus­halt be­trägt mehr als 900 Mil­lio­nen Eu­ro. „Es ist al­les ge­gen­fi­nan­ziert“, be­tont der Main­zer. Sei­ne Frak­ti­on will mehr Geld in Stra­ßen­bau, Kran­ken­häu­ser, Po­li­zei, Woh­nungs­bau und Ki­tas in­ves­tie­ren. Mehr Mit­tel sol­len in Sprach­för­de­rung, Fa­mi­lie und In­no­va­ti­on flie­ßen, auch in klein­ere Be­rei­che wie die freie Thea­ters­ze­ne. Spek­ta­ku­lär, wenn auch nicht ganz neu, ist die For­de­rung nach Auf­lö­sung des grü­nen In­teg­ra­ti­ons­mi­nis­te­ri­ums. Die CDU spricht sich für Ent­la­stung der Steu­er­zah­ler aus, in­dem die Grund­er­werb­steu­er ge­senkt wird. Zu­dem will sie ei­ne stär­ke­re Ent­schul­dung. Statt 340 Mil­lio­nen Eu­ro will die Op­po­si­ti­on 510 Mil­lio­nen Eu­ro in zwei Jah­ren an Schul­den zu­rück­zah­len. Ge­spart wer­den soll et­wa in der Ar­beits­markt­po­li­tik so­wie bei der Öf­fent­lich­keits­ar­beit der Staats­kanz­lei, de­ren Aus­ga­ben sich nach Vor­stel­lung der Re­gie­rung ver­drei­fa­chen sol­len. Die AfD hat­te be­reits ih­re haus­halt­spo­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen skiz­ziert. Sie hat rund 200 Deck­blät­ter ab­ge­ge­ben. Auch sie will mas­siv an die „grü­nen“ Mi­nis­te­ri­en ran; so sol­len bei Um­welt- und In­teg­ra­ti­ons­mi­nis­te­ri­um min­des­tens 40 Mil­lio­nen Eu­ro gest­ri­chen wer­den. Un­ter an­de­rem will sie die Aus­ga­ben für Flücht­lin­ge re­du­zie­ren. Ins­ge­samt möch­te die AfD 200 Mil­lio­nen Eu­ro ein­spa­ren, un­ter an­de­rem die „Gen­der-Lehr­stüh­le“ in Mainz und Trier ab­schaf­fen. Mehr Geld soll in Po­li­zei, Feu­er­wehr, Kran­ken­häu­ser, be­ruf­li­che Bil­dung, Breit­band und Stra­ßen­bau flie­ßen. El­tern, die ih­re Un­ter-Drei­jäh­ri­gen zu­hau­se selbst be­treu­en, sol­len „Kom­pen­sa­ti­ons­zah­lun­gen“ er­hal­ten. Die En­er­giea­gen­tur soll auf­ge­löst und ei­ne „Di­gi­ta­li­sie­rungs­agen­tur“ ge­schaf­fen wer­den. Haus­halt um­fasst mehr als 3000 Sei­ten Ob rea­lis­tisch oder doch Luft­schloss: Für die Haus­halts- und Fach­po­li­ti­ker be­deu­te­ten die ver­gan­ge­nen Wo­chen Kno­chen­ar­beit. Je­de der rund 3000 Sei­ten des Haus­halt­splans wur­de ab­ge­ar­bei­tet. Die Koa­li­ti­ons­frak­tio­nen müs­sen prü­fen, ob sich ih­re Li­nie in den Zah­len wi­der­spiegelt und höl­lisch auf­pas­sen, ob nicht zum Bei­spiel ir­gend­wo ei­ne Stel­len­strei­chung ver­steckt wur­de. Man­cher Par­la­men­ta­rier dürf­te des­halb am Frei­tag ein di­ckes Kreuz in sei­nen Ka­len­der ge­macht ha­ben. Im De­zem­ber wird der Haus­halt vom Land­tag ver­ab­schie­det. DOP­PEL­HAUS­HALT Der Dop­pel­haus­halt weist für 2019 be­rei­nig­te Ge­samt­ein­nah­men von 17,9 Mil­li­ar­den Eu­ro und be­rei­nig­te Ge­samt­aus­ga­ben von 17,7 Mil­li­ar­den Eu­ro aus. Für 2020 sei­en Ge­samt­ein­nah­men von 18,7 Mil­li­ar­den Eu­ro und be­rei­nig­te Ge­samt­aus­ga­ben von 18,3 Mil­li­ar­den Eu­ro vor­ge­se­hen.