Vor der Fes­tung

Von Gau­tor bis Fich­te­platz: Hier wur­de Main­zer Sport­ge­schich­te ge­schrie­ben

Von Mi­cha­el Ber­mei­tin­ger MAINZ .

Von Mi­cha­el Ber­mei­tin­ger MAINZ . Mit Grö­ße und bar­ocker Schön­heit be­ein­druckt das Gau­tor auch heu­te noch sei­ne Be­trach­ter, und doch se­hen sie nur den Ab­glanz des ein­sti­gen Fes­tungs­bau­werks. Wer durch die To­röff­nung geht und glaubt, er ha­be „das Gau­tor“ durch­schrit­ten, der irrt. Er pas­siert le­dig­lich die Schmuck­fass­ade des äu­ße­ren To­rein­gangs, die Ge­samt­an­la­ge ist einst un­gleich mäch­ti­ger. Der Weg führt un­term Wall hin­durch, ist al­so mehr ein Tun­nel, denn ein Tor. Die An­la­ge aus dem 17. Jahr­hun­dert hat 200 Jah­re spä­ter aus­ge­dient. 1896 wird sie ab­ge­tra­gen, aber Bürg­er­wil­le be­wahrt be­sag­te Schau­fass­ade vorm Ab­riss. Erst steht sie im Hof des heu­ti­gen Frau­en­lob-Gym­na­si­ums, ab 1962 dis­kret im Park am Fich­te­platz, be­vor das Tor 1998 in et­wa an den al­ten Stand­ort zu­rück­kehrt. Kaum vor­stell­bar, dass hier einst die Stadt zu En­de ist. Vorm Tor ein Gra­ben­sys­tem, da­vor das Gla­cis – ein frei­es Schuss­feld, das nicht be­baut wer­den darf. Dort wird um 1850 die er­ste gro­ße Frei­zeit­ein­rich­tung im Grü­nen an­ge­legt – der „Pro­me­na­den­weg“ – und nach der Fes­tungs­zeit der An­la­gen­ring; je­ner Park­strei­fen, durch den man vom Rö­mer­wall ober­halb des Bahn­hofs bis zur Sal­va­tors­tra­ße spa­zie­ren kann. Die al­te Fahr­stra­ße, der „Weg um die Stadt“, ist zwi­schen Dru­sus­wall und Rö­mer­wall er­hal­ten. Einst las­sen sich hier die bes­se­ren Herr­schaf­ten im Land­au­er oder im Cou­pé kut­schie­ren, im März 1945 ras­seln die Ket­ten der ame­ri­ka­ni­schen Sher­man-Pan­zer und heu­te sind hier Rad­ler un­ter­wegs. So schön die Ober­stadt­parks sind, so sehr ha­ben sie ge­lit­ten. Vie­le Trep­pen, Mäu­er­chen und Ein­fas­sun­gen sind be­schä­digt, die We­ge löch­rig. Seit 2018 läuft nun die mil­lio­nen­teu­re Er­neue­rung. Auch wenn der Fes­tungs­ring in den 20ern längst auf­ge­ho­ben ist, le­ben die Main­zer in der Alts­tadt (bis zur Gro­ßen Blei­che) ein­ge­zwängt im oft licht­lo­sen und gar nicht ro­man­ti­schen Ge­wirr von Gäs­schen, Hö­fen und Hin­ter­hö­fen. Welch Se­gen ist da das En­de der 20er zwi­schen Fort Eli­sa­beth und Dru­sus­wall ge­bau­te Frei­zeit­ge­län­de mit Turn­platz, Lie­ge­wie­sen, Gär­ten – und rie­si­gem Plansch­be­cken. Som­mers pil­gern einst die Alts­tadt-Kin­der hoch zum „Plan­schi“, wie die Ki­osk-Knei­pe noch heißt, to­ben durchs Was­ser, ge­nie­ßen die Son­ne – auf ei­nem der wich­tigs­ten Or­te Main­zer Sport­ge­schich­te. Denn be­vor das Plan­schi, heu­te Sprüh­feld mit Spiel­platz, ge­baut wird, steht da ei­ne Ra­drenn­bahn, die von ei­ner Sport­le­gen­de be­trie­ben wird: 88er-Mit­be­grün­der Georg Dre­scher (1870-1938), ein Welt­re­kord-Ge­wicht­he­ber, Rin­ger, Schwim­mer und na­tür­lich Rad­sport­ler. Auf dem Zwei­rad wird er Deut­scher und Eu­ro­pa­meis­ter und nimmt an den Olym­pi­schen Spie­len 1900 in Pa­ris teil. Be­ruf­lich han­delt er mit Opel-Fahr­rä­dern, -Näh­ma­schi­nen und -Au­tos in der Rheins­tra­ße 29. Da­zu hat Dre­scher noch Zeit fürs Prä­si­den­ten­amt der Prin­zen­gar­de und ist MCV-Sit­zungs­prä­si­dent. Sport­his­to­risch be­son­ders wich­tig: Im In­nen­raum der Be­ton-Ra­drenn­bahn, de­ren Steil­kur­ven noch in der Bö­schung zu er­ken­nen sein sol­len, spielt bis 1910 auch Mainz 05. Dort holt sich die er­folg­rei­che Elf des Kreuz­ers „Gnei­se­nau“ ei­ne 6:2-Klat­sche ab. 1200 Main­zer fei­ern, aber der war­me Re­gen für die 05er-Kas­se wird zur kal­ten Du­sche: Der Kas­sie­rer brennt mit den Ein­nah­men durch. Fast gleich­zei­tig zum Plansch­be­cken ent­steht am Fich­te­platz die größ­te ein­heit­lich ge­plan­te Wohn­an­la­ge in Mainz. Die Woh­nungs­not ist groß, weil die fran­zö­si­schen Be­sat­zer vie­le Woh­nun­gen brau­chen und die Bau­ka­pa­zi­tä­ten ab­schöp­fen, wäh­rend die Ein­woh­ner­zahl wächst. So strö­men vie­le El­säs­ser und Lo­thrin­ger nach Mainz, auch Ei­sen­bah­ner, die die Reichs­bahn­di­rekt­ion auf­neh­men muss. Die baut da­her ge­mein­sam mit der städ­ti­schen „GmbH zur Er­rich­tung von Klein­woh­nun­gen“ (1962 Wohn­bau) die An­la­ge. Zum Fich­te­platz hin mit ih­ren 27 Ach­sen ei­ne im­po­nie­ren­de An­la­ge, in ih­rem In­ne­ren sehr har­mo­nisch, licht und mit gro­ßen grü­nen Hö­fen. Der Bau­schmuck ist zu­rück­hal­tend, aber mit sehr schö­nen Ak­zen­ten. Der Blick aufs De­tail lohnt. Sehr schön die in­nen lie­gen­de Kreu­zung, de­ren Ge­bäu­de Ni­ko­laus-Be­cker 7/9 und 8/10 so­wie Schne­cken­bur­ger 8 und 10 von den Main­zer Ar­chi­tek­ten Rein­hold Weis­se und Rein­hold Schrei­ner ge­baut wur­den – letz­te­rer Groß­va­ter des Main­zer Ar­chi­tek­ten und CDU-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Gerd Schrei­ner. Die Wohn­bau wird ih­re Woh­nun­gen dort sa­nie­ren, wo­bei Alt­mie­ter ge­gen ge­rin­ge Mie­ter­hö­hung woh­nen blei­ben kön­nen. Zie­hen sie aus, wird’s dort teu­er, 12 Eu­ro je Qua­drat­me­ter. Ein­mal mehr ein schö­nes, stadt­na­hes Vier­tel, in dem Leu­te, die güns­ti­ge Mie­ten brau­chen, kei­nen Platz mehr ha­ben wer­den – da­für die neue Main­zer Ha­fen-Mi­schung (Win­ter- und Zoll­ha­fen) aus Selb­stän­di­gen, hö­he­ren An­ge­stell­ten und hö­he­ren Be­am­ten. Dann ist es auch kein Vier­tel mehr, son­dern ein Quar­tier … Wir wen­den uns kopf­schüt­telnd ab und ge­hen zu­rück zum Gau­tor.

 Von Mi­cha­el Ber­mei­tin­ger MAINZ . Mit Grö­ße und bar­ocker Schön­heit be­ein­druckt das Gau­tor auch heu­te noch sei­ne Be­trach­ter, und doch se­hen sie nur den Ab­glanz des ein­sti­gen Fes­tungs­bau­werks. Wer durch die To­röff­nung geht und glaubt, er ha­be „das Gau­tor“ durch­schrit­ten, der irrt. Er pas­siert le­dig­lich die Schmuck­fass­ade des äu­ße­ren To­rein­gangs, die Ge­samt­an­la­ge ist einst un­gleich mäch­ti­ger. Der Weg führt un­term Wall hin­durch, ist al­so mehr ein Tun­nel, denn ein Tor. Die An­la­ge aus dem 17. Jahr­hun­dert hat 200 Jah­re spä­ter aus­ge­dient. 1896 wird sie ab­ge­tra­gen, aber Bürg­er­wil­le be­wahrt be­sag­te Schau­fass­ade vorm Ab­riss. Erst steht sie im Hof des heu­ti­gen Frau­en­lob-Gym­na­si­ums, ab 1962 dis­kret im Park am Fich­te­platz, be­vor das Tor 1998 in et­wa an den al­ten Stand­ort zu­rück­kehrt. Kaum vor­stell­bar, dass hier einst die Stadt zu En­de ist. Vorm Tor ein Gra­ben­sys­tem, da­vor das Gla­cis – ein frei­es Schuss­feld, das nicht be­baut wer­den darf. Dort wird um 1850 die er­ste gro­ße Frei­zeit­ein­rich­tung im Grü­nen an­ge­legt – der „Pro­me­na­den­weg“ – und nach der Fes­tungs­zeit der An­la­gen­ring; je­ner Park­strei­fen, durch den man vom Rö­mer­wall ober­halb des Bahn­hofs bis zur Sal­va­tors­tra­ße spa­zie­ren kann. Die al­te Fahr­stra­ße, der „Weg um die Stadt“, ist zwi­schen Dru­sus­wall und Rö­mer­wall er­hal­ten. Einst las­sen sich hier die bes­se­ren Herr­schaf­ten im Land­au­er oder im Cou­pé kut­schie­ren, im März 1945 ras­seln die Ket­ten der ame­ri­ka­ni­schen Sher­man-Pan­zer und heu­te sind hier Rad­ler un­ter­wegs. So schön die Ober­stadt­parks sind, so sehr ha­ben sie ge­lit­ten. Vie­le Trep­pen, Mäu­er­chen und Ein­fas­sun­gen sind be­schä­digt, die We­ge löch­rig. Seit 2018 läuft nun die mil­lio­nen­teu­re Er­neue­rung. Auch wenn der Fes­tungs­ring in den 20ern längst auf­ge­ho­ben ist, le­ben die Main­zer in der Alts­tadt (bis zur Gro­ßen Blei­che) ein­ge­zwängt im oft licht­lo­sen und gar nicht ro­man­ti­schen Ge­wirr von Gäs­schen, Hö­fen und Hin­ter­hö­fen. Welch Se­gen ist da das En­de der 20er zwi­schen Fort Eli­sa­beth und Dru­sus­wall ge­bau­te Frei­zeit­ge­län­de mit Turn­platz, Lie­ge­wie­sen, Gär­ten – und rie­si­gem Plansch­be­cken. Som­mers pil­gern einst die Alts­tadt-Kin­der hoch zum „Plan­schi“, wie die Ki­osk-Knei­pe noch heißt, to­ben durchs Was­ser, ge­nie­ßen die Son­ne – auf ei­nem der wich­tigs­ten Or­te Main­zer Sport­ge­schich­te. Denn be­vor das Plan­schi, heu­te Sprüh­feld mit Spiel­platz, ge­baut wird, steht da ei­ne Ra­drenn­bahn, die von ei­ner Sport­le­gen­de be­trie­ben wird: 88er-Mit­be­grün­der Georg Dre­scher (1870-1938), ein Welt­re­kord-Ge­wicht­he­ber, Rin­ger, Schwim­mer und na­tür­lich Rad­sport­ler. Auf dem Zwei­rad wird er Deut­scher und Eu­ro­pa­meis­ter und nimmt an den Olym­pi­schen Spie­len 1900 in Pa­ris teil. Be­ruf­lich han­delt er mit Opel-Fahr­rä­dern, -Näh­ma­schi­nen und -Au­tos in der Rheins­tra­ße 29. Da­zu hat Dre­scher noch Zeit fürs Prä­si­den­ten­amt der Prin­zen­gar­de und ist MCV-Sit­zungs­prä­si­dent. Sport­his­to­risch be­son­ders wich­tig: Im In­nen­raum der Be­ton-Ra­drenn­bahn, de­ren Steil­kur­ven noch in der Bö­schung zu er­ken­nen sein sol­len, spielt bis 1910 auch Mainz 05. Dort holt sich die er­folg­rei­che Elf des Kreuz­ers „Gnei­se­nau“ ei­ne 6:2-Klat­sche ab. 1200 Main­zer fei­ern, aber der war­me Re­gen für die 05er-Kas­se wird zur kal­ten Du­sche: Der Kas­sie­rer brennt mit den Ein­nah­men durch. Fast gleich­zei­tig zum Plansch­be­cken ent­steht am Fich­te­platz die größ­te ein­heit­lich ge­plan­te Wohn­an­la­ge in Mainz. Die Woh­nungs­not ist groß, weil die fran­zö­si­schen Be­sat­zer vie­le Woh­nun­gen brau­chen und die Bau­ka­pa­zi­tä­ten ab­schöp­fen, wäh­rend die Ein­woh­ner­zahl wächst. So strö­men vie­le El­säs­ser und Lo­thrin­ger nach Mainz, auch Ei­sen­bah­ner, die die Reichs­bahn­di­rekt­ion auf­neh­men muss. Die baut da­her ge­mein­sam mit der städ­ti­schen „GmbH zur Er­rich­tung von Klein­woh­nun­gen“ (1962 Wohn­bau) die An­la­ge. Zum Fich­te­platz hin mit ih­ren 27 Ach­sen ei­ne im­po­nie­ren­de An­la­ge, in ih­rem In­ne­ren sehr har­mo­nisch, licht und mit gro­ßen grü­nen Hö­fen. Der Bau­schmuck ist zu­rück­hal­tend, aber mit sehr schö­nen Ak­zen­ten. Der Blick aufs De­tail lohnt. Sehr schön die in­nen lie­gen­de Kreu­zung, de­ren Ge­bäu­de Ni­ko­laus-Be­cker 7/9 und 8/10 so­wie Schne­cken­bur­ger 8 und 10 von den Main­zer Ar­chi­tek­ten Rein­hold Weis­se und Rein­hold Schrei­ner ge­baut wur­den – letz­te­rer Groß­va­ter des Main­zer Ar­chi­tek­ten und CDU-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Gerd Schrei­ner. Die Wohn­bau wird ih­re Woh­nun­gen dort sa­nie­ren, wo­bei Alt­mie­ter ge­gen ge­rin­ge Mie­ter­hö­hung woh­nen blei­ben kön­nen. Zie­hen sie aus, wird’s dort teu­er, 12 Eu­ro je Qua­drat­me­ter. Ein­mal mehr ein schö­nes, stadt­na­hes Vier­tel, in dem Leu­te, die güns­ti­ge Mie­ten brau­chen, kei­nen Platz mehr ha­ben wer­den – da­für die neue Main­zer Ha­fen-Mi­schung (Win­ter- und Zoll­ha­fen) aus Selb­stän­di­gen, hö­he­ren An­ge­stell­ten und hö­he­ren Be­am­ten. Dann ist es auch kein Vier­tel mehr, son­dern ein Quar­tier … Wir wen­den uns kopf­schüt­telnd ab und ge­hen zu­rück zum Gau­tor.