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Hängepartie

Die Zukunft des kleinen Krankenhauses in Ingelheim sieht düster aus. Kann eine Schließung verhindert werden?

Allgemeine Zeitung, 2. Februar 2019, Helena Sender-Petry.

Die Schockstarre hält an. Und die Angst geht um in der Stadt, dass das kleine Krankenhaus Ingelheim der Universitätsmedizin Mainz gGmbH (KIUM) geschlossen wird. Vergangene Woche platzte die Bombe. Die Unimedizin kündigte ihren Ausstieg aus der Gesellschaft an, die eigens für die Übernahme der Trägerschaft im Oktober 2017 gegründet worden war. Der Grund: Die fünf Millionen Euro, die die Unimedizin für das Krankenhaus in Ingelheim zur Verfügung gestellt hatte, sind aufgebraucht. Die Stadt muss aktuell nicht nur einen neuen Investor suchen, sondern die kleine Klinik mit eigenem Geld am Leben erhalten. 1,5 Millionen Euro sind schon geflossen, die gleiche Summe steht noch bereit. Alles Steuergelder, die den Betrieb des Hauses für rund vier Monate sichern sollen. Wer die Frage beantworten will, warum das Projekt scheiterte und warum es im Grunde nur Verlierer gibt, muss sich eine Trasse durch den Dschungel Gesundheitswesen schlagen – und einen konzentrierten Blick zurückwerfen. 

Vier Jahre ist es her, dass Professor Dr. Babette Simon, damals Vorstandsvorsitzende der Universitätsmedizin, ein begehrliches Auge auf Ingelheim warf. Längst hatte sich herumgesprochen, dass die Agaplesion AG, die mehrheitlich am Träger Hessischer Diakonieverein (HDV gGmbH) beteiligt ist, das Haus mit 133 Betten schließen wollte. Der Grund: zu große Verluste. Für Simon und auch Dr. Elke Frank, bis Ende 2017 Kaufmännischer Vorstand, bot sich hier eine Chance, unter anderem durch eine konsequente Patientensteuerung in der Unimedizin Kapazitäten, also mehr Betten für schwerkranke Patienten, die eine Maximalversorgung brauchen, freizuschlagen. Auch und gerade deshalb, weil mehr Maximalversorgung mehr Geld für die Unimedizin bedeutet. Erste Berechnungen, die bereits 2015 beauftragt wurden, lagen 2016 vor. Ein weiteres Gutachten folgte, die Sache nahm Fahrt auf. 

Ambitioniert. Funktionierte aber nicht. 

Doch ist das Engagement der Unimedizin in Ingelheim zu rechtfertigen? War das Risiko nicht doch zu groß? Alle kleinen Häuser im Land haben Probleme, die Politik unterstellt eine Überversorgung mit Krankenhäusern, die Zahl der Patienten in Rheinland-Pfalz sinkt, Betten sollen gestrichen werden. Die kleine Klinik in Ingelheim auf Kurs zu bringen, war also genauso ambitioniert wie mutig. Funktioniert hat es nicht. Und das lag nicht nur daran, dass kaum Patienten aus Mainz in Ingelheim ankamen. Jetzt wird es kompliziert, weil es um sehr viel Geld geht, das niemand auf dem Schirm hatte. Dem Vernehmen nach hat sich keiner um den sogenannten Fixkostendegressionsabschlag (FDA) gekümmert, der mit den Krankenkassen verhandelt werden muss. Denn beim FDA werden zusätzliche Leistungen über ein Budget hinaus für drei Jahre in Folge nur zu 65 Prozent bezahlt. Ein probates Mittel, ein unkontrolliertes Wachstum der Kliniken auszubremsen. „Es war also vorhersehbar, dass es Probleme gibt“, sagt ein Insider im AZ-Gespräch. So soll der FDA auch im 2017 vorgelegten Wirtschaftsplan keine Rolle gespielt haben. Die Konsequenz: Anstrengungen werden bestraft, weil sie finanziert werden müssen. Liegt der Informant richtig, basierten die Berechnungen des Businessplans auf falschen Voraussetzungen. Hinlänglich bekannt war auch das Faktum, dass Agaplesion das Ingelheimer Krankenhaus bis zur Übernahme der Trägerschaft durch die KIUM zwar am Laufen hielt, doch keinen Cent mehr ohne Not reinstecken würde. Warum auch? Dass Einnahmen durch den langen Übernahmeprozess von neun Monaten dem Krankenhaus verloren gingen, hätte einkalkuliert werden müssen. Keiner zog die Reißleine, Augen zu und durch. Im November 2017, nach rund 15 Monaten Beraten, Sondieren, Rechnen und Verhandeln, war die Übernahme perfekt. Damals jubelte Professor Dr. Norbert Pfeiffer, Simons Nachfolger als Medizinischer Vorstand der Unimedizin, weil strategische Kooperationen, Netzwerke und Verbünde mit anderen Krankenhäusern längst unverzichtbar seien. Pfeiffer war überzeugt, dass die Übernahme des Ingelheimer Krankenhauses die Chance böte, sich in Mainz vermehrt auf die Hochleistungsmedizin zu konzentrieren. 

„Das Konzept, das auf einer gezielten Steuerung von Patienten fußte, war schlüssig“, ist ein Mitarbeiter des Ingelheimer Krankenhauses überzeugt. Für ihn trägt die Geschäftsleitung die Schuld, „die haben keinen guten Job gemacht“. Die Oberender AG damit zu beauftragen, sei eine Fehlentscheidung der Unimedizin gewesen. „In einem Jahr hatten wir vier Geschäftsführer, die alle bei null anfingen. Das konnte nicht funktionieren.“ Die Angst der Mitarbeiter sei groß, dass dieses Haus, das „wichtig und notwendig für die Region ist“, geschlossen wird. Und weiter: „Nachdem Simon und Frank die Unimedizin verlassen hatten, waren die entscheidenden Köpfe zum Gelingen des Projekts weg. Den Klinikleitern der Uni war Ingelheim doch völlig egal.“ Auch berichtet der Mitarbeiter von Leistungen, die sich das kleine Krankenhaus von der Unimedizin einkaufen musste. „Wir haben zum Beispiel ein Heidengeld für ausgeliehene Ärzte ausgegeben, jedes Konzil wurde uns in Rechnung gestellt. Wir waren die Cash-Cow der Unimedizin.“ 

Als im vergangenen September öffentlich wurde, dass dem Krankenhaus schon nach neun Monaten das Geld ausgegangen war, wurde die Unternehmensberatung Roland Berger von der KIUM beauftragt, ein Gutachten zu erstellen, das mittlerweile vorliegt. Nach Informationen der AZ geht Berger davon aus, dass die Wirtschaftlichkeit zwar verbessert werden könne – Verluste blieben dennoch zu managen. Weil: zu wenig Eigenkapital, zu geringe Auslastung und deshalb zu wenig Umsatz. Zudem sei die Planung, die die Unimedizin ihrem Aufsichtsrat vorgelegt hatte, zu optimistisch gewesen. Auf längere Sicht sei das Haus nicht wirtschaftlich zu betreiben. Immer wieder wird kolportiert, die Marienhaus GmbH, die nicht nur das Katholische Klinikum in Mainz, sondern auch das Heilig-Geist-Hospital in Bingen betreibt, habe großes Interesse an einer Übernahme. Doch mit Blick auf die Gesamtsituation erscheint es viel zielführender für Marienhaus zu sein, Ingelheim sterben zu lassen. Ein Konkurrent weniger kann sich nur positiv auf den Standort Bingen auswirken. Hier zeigt sich exemplarisch, dass die Strategie der Politik aufgeht. Es wird einfach gewartet, bis in den kleinen Häusern das Licht für immer ausgeht. Vor diesem Hintergrund erscheint auch ein gemeinsamer Neubau, irgendwo zwischen Ingelheim und Bingen, eine Nebelkerze zu sein, die sich immer wieder wie von selbst entzündet. „Ein Neubau wäre Irrsinn. Das hätte man vor 20 Jahren machen müssen“, lautet das vernichtende Urteil eines Fachmanns. 

Wer trägt die Schuld an diesem Desaster? Hat das Land den Trägerwechsel abgenickt, um Genosse Barbaro, 2017 im Wahlkampf um das Landratsamt in Mainz-Bingen, zu puschen? Ein Vorwurf, der jüngst von dem CDU-Landtagsabgeordneten Gerd Schreiner im SWR mal wieder erhoben wurde. Doch welche Stimmen hätte der Aufsichtsratsvorsitzende der Unimedizin, der das Projekt im Mai 2016 von seinem Vorgänger Tom Deufel übernahm, damit gewinnen wollen? Die Menschen im Südkreis haben Krankenhäuser in Mainz und Worms, der komplette Norden ist mit Bingen und Bad Kreuznach versorgt. Was aus dem Krankenhaus in Ingelheim wird, dürfte den Mainz-Bingern, außer den Ingelheimern selbst, völlig Wurst gewesen sein. Damals hätte es Barbaro ganz sicher mehr geholfen, seinen Posten im Aufsichtsrat des Flughafens Hahn niederlegen zu dürfen. Die Landesregierung dachte gar nicht daran, ihn hier aus der Schusslinie zu nehmen. Puschen geht anders. 

Das Gesundheitsministerium spricht nun von Prüfungen, die erst abgeschlossen sein müssten, um eine Einschätzung zu den weiteren Entwicklungen des Krankenhauses in Ingelheim abgeben zu können. Denn dieses kleine Grundversorgungskrankenhaus in einem Umfeld mit weiteren Krankenhausstandorten sei auf eine gut funktionierende Kooperation mit einem anderen Krankenhaus angewiesen. „Zudem bedarf es eines zukunftsfähigen medizinischen Konzepts, an dem derzeit alle Beteiligten arbeiten. Verschiedene Optionen werden vor dem Hintergrund der Bedarfslage geprüft.“ Es bleibt spannend.