Landtag Rheinland-Pfalz – 17. Wahlperiode – 77. Sitzung, 27.03.2019

Abg. Gerd Schreiner, CDU:

Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren! „Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott, dem Urgrund des Rechts“ – mit diesen Worten beginnt unsere Verfassung. Große Worte. Sie wollen uns leiten, gerade auch dann, wenn wir im Parlament über Tod und Leben, über Organspende und ihre Regeln sprechen. Wir können nicht über Organspende reden, ohne über unser Verhältnis zu Gott zu sprechen, ohne zu fragen: Was ist der Mensch?

Wir beten mit dem 8. Psalm: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ Darauf hoffen wir als Menschen: dass Gott unser gedenkt, dass wir mehr sind, als die Summe von Aminosäuren. Weiter heißt es im 8. Psalm: „Du hast ihn“ – den Menschen – „wenig niedriger gemacht als Gott, (…) du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk.“

Uns ist also Kraft gegeben, Kraft und Verantwortung gegeben, die Kraft, selbst schöpferisch tätig zu sein, und die Pflicht, damit verantwortlich umzugehen. Wir sind geschaffen als das, was wir sind, als Personen, mit all unserem Selbstbewusstsein, unserer Selbstbestimmung, unserem Selbstvertrauen und unserer Selbstverantwortung. Und mehr noch, wir beten im 8. Psalm, dass schon das Kind – noch ganz ohne Selbstbewusstsein, ohne Selbstbestimmung, ohne Selbstvertrauen und Selbstverantwortung – Person ist.

Auch derjenige, der noch nicht oder nicht mehr um sich selbst weiß, ist Person. Auch dann, wenn wir mitten im Sterben liegen, unser Verstand uns verlässt, sind wir Person. Bischof Wolfgang Huber formuliert das so: „Gott schaut dich und mich als Personen an, unabhängig davon, ob wir uns (…) selbst rechtfertigen können. Jeder Mensch ist mehr, als er aus sich selbst macht, weil Gott mit seinem Blick ihm dieses ‚Mehr‘ verleiht.“

Das ist es, was unser Grundgesetz meint, wenn es von der Würde des Menschen spricht. Was folgt nun daraus für die Organspende?

Zunächst einmal für den Arzt: Wir können und dürfen Verfahren ersinnen, Kranken die Organe eines Toten zu übertragen. Gott hat uns zum Herrn über seiner Hände Werk gemacht, Gott hat uns unseren Erfindergeist gegeben, Kranke wieder gesund werden zu lassen, auch mit Organspende.

Aber was heißt das vor allen Dingen für uns als Spender oder als Empfänger? Ich und Du, wir dürfen entscheiden, wir müssen entscheiden. Auch wenn wir denken, dass wir nichts entscheiden, treffen wir eine Entscheidung, und eine Entscheidung müssen wir immer verantworten.

Jede Entscheidung ist zunächst gleichwertig, eine persönliche Entscheidung für eine Organspende ist zunächst nicht besser oder schlechter als eine Entscheidung gegen eine Organspende. Gott hat uns die Verantwortung in unsere Hände gelegt, ob wir unsere Organe spenden. Aber: Nur wir können über uns entscheiden.

Wenn wir unsere Organspenden als einen besonderen Akt der Nächstenliebe verstehen, so ist dies notwendigerweise damit verbunden, dass es freiwillig und in Freiheit erfolgen muss. Der Mensch ist eben mehr, als er aus sich selbst macht, weil Gott ihm dieses „Mehr“ verleiht, formuliert Huber. Oder: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,“ heißt es im Psalm.

Wer bin ich, dass ich mich erheben dürfte über die Unverletzlichkeit eines anderen Menschen, über die Unverletzlichkeit einer Person, zu entscheiden, nur weil ich ihn zu Lebzeiten nicht davon überzeugen konnte, sich für die Organspende zu entscheiden? Organe können transplantiert werden, aber der Spender, der Spendende muss zustimmen.

Wollen wir mehr Menschen überzeugen, ihre Organe Todkranken zu spenden, damit diese leben können, dann lasst uns überzeugen! Mein Körper oder Dein Körper, der Körper eines Toten darf nie Mittel zum Zweck sein, auch dann nicht, wenn es darum geht, das Leben eines anderen zu retten.

Dass wir des Redens und des Überzeugens müde sind, dass die Kraft unserer Worte noch zu schwach und die Anzahl der Spender noch zu gering ist, ist kein Argument, gutes Recht zu ändern. Ich sage es noch einmal: Wollen wir mehr Menschen überzeugen, ihre Organe Todkranken zu spenden, damit diese leben können, dann lasst uns sie überzeugen!

Vielen Dank.

(Beifall der CDU, vereinzelt bei der FDP und des Abg. Dr. Bernhard Braun, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)