Kle­ckern statt Klot­zen Haus­halt als Boot­camp: Hin­ter den Ab­ge­ord­ne­ten im Land­tag lie­gen ar­beits­rei­che Wo­chen

Allgemeine Zeitung, 24. November 2018, Mar­kus Lach­mann, MAINZ.

Der Haus­halt ist so et­was wie die Kö­nigs­dis­zi­plin ei­nes Par­la­ments. Die eher­ne Re­gel lau­tet: Kein Haus­halt wird so ver­ab­schie­det, wie ihn die Re­gie­rung vor­ge­legt hat. Das gilt auch für den rhein­land-pfäl­zi­schen Land­tag. Über Wo­chen ha­ben nun SPD, Grü­ne, FDP, AfD und CDU über dem Zah­len­werk ge­brü­tet, rund ein Dut­zend Sit­zun­gen des Haus­halts­aus­schus­ses ab­sol­viert, in­ter­ne Mee­tings an­be­raumt, Tref­fen in­ner­halb der Am­pel-Koa­li­ti­on an­ge­setzt, Ge­sprä­che mit Mi­nis­te­ri­en ge­führt. Ge­ra­de für klein­ere Frak­tio­nen ist das ei­ne un­glau­bli­che En­er­gie­leis­tung. „Man geht schon auf dem Zahn­fleisch“, be­rich­tet Pia Schell­ham­mer, par­la­men­ta­ri­sche Ge­schäfts­füh­re­rin der Grü­nen, oh­ne dass es lar­moy­ant wirkt. Nur Wahl­kampf­zei­ten sei­en in­ten­si­ver. Am Frei­tag lief die Frist für die Frak­tio­nen ab, um ih­re so­ge­nann­ten Deck­blät­ter ein­zu­rei­chen. Das sind, ver­ein­facht aus­ge­drückt, Än­de­rungs­an­trä­ge zum Haus­halts­ent­wurf der Lan­des­re­gie­rung. Die Crux: Je­de zu­sätz­li­che Aus­ga­be muss ge­gen­fi­nan­ziert sein. Luft­schlös­ser sind ge­ra­de den Koa­li­ti­ons­frak­tio­nen SPD, FDP und Grü­nen nicht er­laubt. So müs­sen die­se ei­ne Ge­gen­fi­nan­zie­rung in­ner­halb des sel­ben Mi­nis­te­ri­ums vor­le­gen, in dem die Aus­ga­be ge­sche­hen soll. Das ist in Res­sorts mit tra­di­tio­nell klei­nem Etat wie et­wa dem In­teg­ra­ti­ons­mi­nis­te­ri­um kniff­li­ger als bei­spiels­wei­se im mäch­ti­gen In­nen­mi­nis­te­ri­um. Man­ches Mi­nis­te­ri­um hat „ei­ge­ne Ein­nah­men“, et­wa das Um­welt­mi­nis­te­ri­um mit dem Was­ser­cent. 100 Deck­blät­ter wur­den am Frei­tag ein­ge­reicht Wie zu hö­ren ist, ha­ben die Koa­li­ti­ons­frak­tio­nen rund 115 Deck­blät­ter ein­ge­reicht. Das Vo­lu­men, das von den Drei­en be­wegt wird, dürf­te im zweis­tel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich lie­gen. Je­der hat ver­sucht, ei­ge­ne Schwer­punk­te zu set­zen – Ge­naue­res soll am Mon­tag be­kannt ge­ge­ben wer­den. Bei den Grü­nen sind das bei­spiels­wei­se die The­men Frau­en, De­mo­kra­tie, Kampf ge­gen rechts, Um­welt und Kli­ma; bei der FDP Land­wirt­schaft/Wirt­schaft und Te­le­me­di­zin. Die SPD wie­der­um küm­mert sich um ih­re Häu­ser, das heißt In­ne­res, Bil­dung, Wis­sen­schaft und Ar­beit/So­zia­les. Es sind nicht im­mer die Rie­sen­sum­men, die be­wegt wer­den, son­der auch Kleinst- und Kle­cker­be­trä­ge. Bei den kon­flikt­rei­chen The­men müs­sen sich auch schon ein­mal die drei Frak­ti­ons­chefs zu­sam­men­set­zen: Chef­sa­che. Aber al­les in al­lem geht es sehr sach­lich zu, be­tont Schell­ham­mer. Das ganz gro­ße Rad wol­len die bei­den Op­po­si­ti­ons­frak­tio­nen dre­hen, auch wenn die meis­ten ih­rer An­trä­ge ab­ge­schmet­tert wer­den dürf­ten. So­zu­sa­gen Ab­la­ge „P“ der Re­gie­rung. Die CDU hat nach An­ga­ben ih­res haus­halt­spo­li­ti­schen Spre­chers Gerd Schrei­ner 150 Deck­blät­ter ein­ge­reicht. Das Vo­lu­men im Dop­pel­haus­halt be­trägt mehr als 900 Mil­lio­nen Eu­ro. „Es ist al­les ge­gen­fi­nan­ziert“, be­tont der Main­zer. Sei­ne Frak­ti­on will mehr Geld in Stra­ßen­bau, Kran­ken­häu­ser, Po­li­zei, Woh­nungs­bau und Ki­tas in­ves­tie­ren. Mehr Mit­tel sol­len in Sprach­för­de­rung, Fa­mi­lie und In­no­va­ti­on flie­ßen, auch in klein­ere Be­rei­che wie die freie Thea­ters­ze­ne. Spek­ta­ku­lär, wenn auch nicht ganz neu, ist die For­de­rung nach Auf­lö­sung des grü­nen In­teg­ra­ti­ons­mi­nis­te­ri­ums. Die CDU spricht sich für Ent­la­stung der Steu­er­zah­ler aus, in­dem die Grund­er­werb­steu­er ge­senkt wird. Zu­dem will sie ei­ne stär­ke­re Ent­schul­dung. Statt 340 Mil­lio­nen Eu­ro will die Op­po­si­ti­on 510 Mil­lio­nen Eu­ro in zwei Jah­ren an Schul­den zu­rück­zah­len. Ge­spart wer­den soll et­wa in der Ar­beits­markt­po­li­tik so­wie bei der Öf­fent­lich­keits­ar­beit der Staats­kanz­lei, de­ren Aus­ga­ben sich nach Vor­stel­lung der Re­gie­rung ver­drei­fa­chen sol­len. Die AfD hat­te be­reits ih­re haus­halt­spo­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen skiz­ziert. Sie hat rund 200 Deck­blät­ter ab­ge­ge­ben. Auch sie will mas­siv an die „grü­nen“ Mi­nis­te­ri­en ran; so sol­len bei Um­welt- und In­teg­ra­ti­ons­mi­nis­te­ri­um min­des­tens 40 Mil­lio­nen Eu­ro gest­ri­chen wer­den. Un­ter an­de­rem will sie die Aus­ga­ben für Flücht­lin­ge re­du­zie­ren. Ins­ge­samt möch­te die AfD 200 Mil­lio­nen Eu­ro ein­spa­ren, un­ter an­de­rem die „Gen­der-Lehr­stüh­le“ in Mainz und Trier ab­schaf­fen. Mehr Geld soll in Po­li­zei, Feu­er­wehr, Kran­ken­häu­ser, be­ruf­li­che Bil­dung, Breit­band und Stra­ßen­bau flie­ßen. El­tern, die ih­re Un­ter-Drei­jäh­ri­gen zu­hau­se selbst be­treu­en, sol­len „Kom­pen­sa­ti­ons­zah­lun­gen“ er­hal­ten. Die En­er­giea­gen­tur soll auf­ge­löst und ei­ne „Di­gi­ta­li­sie­rungs­agen­tur“ ge­schaf­fen wer­den. Haus­halt um­fasst mehr als 3000 Sei­ten Ob rea­lis­tisch oder doch Luft­schloss: Für die Haus­halts- und Fach­po­li­ti­ker be­deu­te­ten die ver­gan­ge­nen Wo­chen Kno­chen­ar­beit. Je­de der rund 3000 Sei­ten des Haus­halt­splans wur­de ab­ge­ar­bei­tet. Die Koa­li­ti­ons­frak­tio­nen müs­sen prü­fen, ob sich ih­re Li­nie in den Zah­len wi­der­spiegelt und höl­lisch auf­pas­sen, ob nicht zum Bei­spiel ir­gend­wo ei­ne Stel­len­strei­chung ver­steckt wur­de. Man­cher Par­la­men­ta­rier dürf­te des­halb am Frei­tag ein di­ckes Kreuz in sei­nen Ka­len­der ge­macht ha­ben. Im De­zem­ber wird der Haus­halt vom Land­tag ver­ab­schie­det. DOP­PEL­HAUS­HALT Der Dop­pel­haus­halt weist für 2019 be­rei­nig­te Ge­samt­ein­nah­men von 17,9 Mil­li­ar­den Eu­ro und be­rei­nig­te Ge­samt­aus­ga­ben von 17,7 Mil­li­ar­den Eu­ro aus. Für 2020 sei­en Ge­samt­ein­nah­men von 18,7 Mil­li­ar­den Eu­ro und be­rei­nig­te Ge­samt­aus­ga­ben von 18,3 Mil­li­ar­den Eu­ro vor­ge­se­hen.

Vie­le neue Ge­sich­ter

CDU-Frak­ti­ons­chef Hanns­georg Schö­nig ist Spit­zen­kan­di­dat für Kom­mu­nal­wahl

Allgemeine Zeitung, 19.November 2018, Ale­xan­dra Ei­sen, MAINZ.

Vie­le Hän­de, die ge­mein­sam an ei­nem Strang zie­hen – das war nicht im­mer so in der Main­zer CDU. Und des­halb soll die­ses Mo­tiv, das bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung über der Büh­ne auf ei­ne Lein­wand pro­ji­ziert wird, ei­ne neue Ära sym­bo­li­sie­ren. Und an die­sem Sams­tag in der Gon­sen­hei­mer Jahn­turn­hal­le ge­lingt der Uni­on das har­mo­ni­sche Mit­ein­an­der. Der mit Span­nung er­war­te­te Vor­schlag der Par­tei­spit­ze für die Kan­di­da­ten­lis­te zur Kom­mu­nal­wahl 2019 wird oh­ne Dis­kuss­io­nen und Kampf­kan­di­da­tu­ren von den knapp 170 Mit­glie­dern mehr oder we­ni­ger durch­ge­wun­ken. Nur hier und da gibt die Zahl der Ja-Stim­men im Be­reich um die 60 Pro­zent ei­nen Hin­weis auf leich­ten Un­mut über be­kann­te Kan­di­da­ten oder auf Un­si­cher­heit bei neu­en Ge­sicht­ern. Wie schon bei der ver­gan­ge­nen Kom­mu­nal­wahl zieht die Main­zer CDU mit Hanns­georg Schö­nig, Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der Strad­trats­frak­ti­on, als Spit­zen­kan­di­dat in den Wahl­kampf. Der 54-Jäh­ri­ge er­hielt 85 Pro­zent der Stim­men. Ist die Spit­zen­kan­di­da­tur ein er­ster Hin­weis auf den OB-Wahl­kampf im Ok­to­ber? Da­rauf ge­ben Schö­nig und Par­tei­che­fin Fle­gel auch an die­sen Sams­tag kei­ne Ant­wort. Die CDU hat ih­ren Kan­di­da­ten oder ih­re Kan­di­da­tin bis­lang nicht be­nannt. Ur­su­la Gro­den-Kra­nich be­legt Platz zwei Schö­nig hat­te zu­vor in sei­nem Be­richt über die Ar­beit der Stadt­rats­frak­ti­on die Am­pel-Koa­li­ti­on im Rat­haus scharf kri­ti­siert. Die bei­den De­zer­nen­ten Ka­trin Eder (Grü­ne, Ver­kehr) und Christ­opher Sit­te (FDP, Wirt­schaft), die näch­ste Wo­che zur Wie­der­wahl ste­hen, be­zeich­ne­te er als „To­ta­laus­fall“. Er ver­mis­se in der Main­zer Po­li­tik „Vi­sio­nen, neue Ide­en und Auf­bruch“. Platz zwei be­legt die Main­zer Bun­des­tags­ab­geord­ne­te Ur­su­la Gro­den-Kra­nich (81 Pro­zent). CDU-Kreis­vor­sit­zen­de Sa­bi­ne Fle­gel geht auf Lis­ten­platz 3 in den Kom­mu­nal­wahl­kampf (87,6 Pro­zent). Die 52-jäh­ri­ge Gon­sen­hei­mer Orts­vor­ste­he­rin er­klär­te im Vor­feld des Wahl­gangs, dass die Zu­sam­men­stel­lung der Lis­te ei­ne schwe­re Auf­ga­be ge­we­sen sei. „Man will nie­man­den vor den Kopf sto­ßen, viel­leicht gibt es Ent­täu­schun­gen. Aber heu­te geht es nicht um Emp­find­lich­kei­ten und Ei­tel­kei­ten, son­dern um un­ser Ziel und um die Par­tei.“ Ei­nen klei­nen Dämp­fer gibt es für Klaus Haf­ner, der mit nur 62 Pro­zent der Stim­men ge­wählt wird. Bei der ver­gan­ge­nen Kom­mu­nal­wahl hat­te der be­lieb­te Sta­di­ons­pre­cher des 1. FSV Mainz 05 erst­mals kan­di­diert und war von den Main­zer Wäh­lern vom ur­sprüng­li­chen Lis­ten­platz 11 auf Platz 3 ka­ta­pul­tiert wor­den. Dies­mal setzt man ihn gleich auf Platz 4. Ganz an­ders das Er­geb­nis von Fast­nacht­si­ko­ne Tho­mas Ne­ger, seit zehn Jah­ren im Stadt­rat. Mit 95,8 Pro­zent Ja-Stim­men er­zielt er an die­sem Tag das be­ste Er­geb­nis. Ei­ne neu­es jun­ges Ge­sicht in der Stadt­po­li­tik ist Na­ta­scha Bau­er, die in der Gro­ßen Lang­gas­se ei­nen Fri­seur­sa­lon be­treibt und auf den aus­sichts­rei­chen Lis­ten­platz 10 ge­wählt wird (75 Pro­zent). Die 33-jäh­ri­ge Mut­ter ei­nes 14 Mo­na­te al­ten Soh­nes nennt Fa­mi­li­en­po­li­tik und die In­te­res­sen der Ge­wer­be­trei­ben­den als Schwer­punk­te ih­rer kom­mu­nal­po­li­ti­schen Ar­beit. CDU-Ur­ge­stein Wolf­gang Rei­chel, frü­he­rer Main­zer Um­welt­de­zer­nent, bis 2016 streit­ba­rer CDU-Kreis­vor­sit­zen­der und ehe­ma­li­ger Land­tags­ab­geord­ne­ter, taucht bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung nicht auf. Bis zu­letzt wur­de spe­ku­liert, ob er sich nicht doch als Kan­di­dat prä­sen­tie­ren wird. Er wird dem neu­en Stadt­rat nun nicht mehr an­ge­hö­ren. Auch an­de­re lang­jäh­ri­ge Stadt­rats­mit­glie­der sind nicht mehr auf der Lis­te: Dr. Gerd Eck­hardt, Prof. Dr. Mi­cha­el Pietsch, Dr. Chris­ti­an Mo­er­chel, Ka­rin Traut­wein und Dr. Bar­ba­ra Both. Auf den 60 Lis­ten­plät­zen ste­hen 15 Kan­di­da­ten, die nicht äl­ter als 35 Jah­re sind, so­wie 20 Frau­en, un­ter den aus­sichts­rei­chen er­sten 20 fin­den sich 9 Frau­en. Fle­gel und Schö­nig zeig­ten sich nach der fünf­ein­halb­stün­di­gen Ver­samm­lung sicht­lich zu­frie­den – die Mit­glie­der sei­en den Weg der Er­neue­rung und Ver­jün­gung mit­ge­gan­gen. „Die Lis­te spricht al­le Schich­ten der Ge­sell­schaft an, wir ha­ben vie­le in­te­res­san­te Per­sön­lich­kei­ten. Wir ha­ben das be­ste An­ge­bot“, sagt Fle­gel.

DIE ER­STEN 20 LIS­TEN­PLÄT­ZE Hanns­georg Schö­nig (133 Ja, 23 Nein, 4 Ent­hal­tun­gen), Ur­su­la Gro­den-Kra­nich (126, 23, 8), Sa­bi­ne Fle­gel (135, 19, 2), Klaus Haf­ner (94, 57, 7), Clau­dia Sieb­ner (136, 22, 1), Tho­mas Gers­ter (134, 186), Dr. Mar­kus Rein­bold (140, 12, 3), Kars­ten Lan­ge (131, 19, 3), Nor­bert Sol­bach (117, 33, 7), Na­ta­scha Bau­er (110, 36, 9), Gerd Schrei­ner (113, 28, 9), Lud­wig Hol­le (107, 29, 11), Ma­nu­ela Matz (118, 25, 4), Tors­ten Ro­he (103, 35, 5), Tho­mas Ne­ger (137, 6, 2), Dr. Pe­ter Tress (107, 28, 11), An­et­te Oden­wel­ler (115, 22, 5), Me­lis­sa En­ders (95, 36, 9).