Kei­ne Po­li­tik der of­fe­nen Tür

BAUAUSSCHUSS: CDU kritisiert Vor­la­ge für GFZ-Kaserne – Rahmenplan wird trotzdem beschlossen

Allgemeine Zeitung, 18. November 2017, Heiko Beckert, MAINZ

Wenn es um die Um­wand­lung der GFZ-Ka­ser­ne in ein Wohn­ge­biet geht, dann kom­men Am­pel­koa­li­ti­on und CDU nicht zu­sam­men. Das zeig­te sich – nicht zum er­sten Mal – im Bau- und Sa­nie­rungs­aus­schuss des Stadt­rats. In ei­ner stre­cken­wei­se hit­zi­gen De­bat­te be­schwer­te sich Gerd Schrei­ner (CDU) un­ter an­de­rem über „ir­re­füh­ren­de“ Un­ter­la­gen. Was wie­der­um Ma­ri­an­ne Gros­se (SPD) auf den Plan rief. „Un­se­re Vor­la­ge ist nicht ir­re­füh­rend“, ver­wahr­te sie sich ge­gen den An­wurf.

Doch wo­rum geht es – von der Be­wer­tung von Vor­la­gen ein­mal ab­ge­se­hen – ei­gent­lich im Streit um die Ka­ser­ne in der Ober­stadt? Gerd Eck­hardt (CDU) kri­ti­siert un­ter an­de­rem, dass der Rah­men­plan für das Are­al zu vie­le Fest­le­gun­gen ent­hält. Et­wa wenn es um die La­ge ei­ner künf­ti­gen Orts­ver­wal­tung und ei­nes Su­per­markts geht. Denn die könn­ten, so Eck­hardt, in Kon­flikt mit Er­wei­te­rungs­plä­nen der Fir­ma Bi­on­tech ge­ra­ten, die ein Bun­des­wehr­ge­bäu­de als Bü­ro­haus nut­zen will. Zu­dem ist ein Neu­bau an der Gold­gru­be im Ge­spräch. Die Stadt ge­he mit dem Un­ter­neh­men rup­pig um, glaubt Schrei­ner: „Das ist nicht die Po­li­tik der of­fe­nen Tür.“

Vor­wür­fe, die Gros­se wie­der­um nicht ste­hen las­sen woll­te. Die Ver­wal­tung brau­che „kei­ne Nach­hil­fe“ in die­ser Fra­ge, schoss sie in Rich­tung CDU zu­rück. Und Günt­her In­gen­thron, Lei­ter des Stadt­pla­nungs­amts, er­läu­ter­te, dass die Ver­wal­tung in en­gem Kon­takt mit der Fir­ma ste­he. Das Un­ter­neh­men sei auch bei der Er­stel­lung des Rah­men­plans be­tei­ligt ge­we­sen.

Es gibt aber noch wei­te­re Punk­te, die der Uni­on nicht ge­fal­len. Zum Bei­spiel, dass auf dem Ge­biet fünf bis sie­ben Stock­wer­ke ho­he Ge­bäu­de er­rich­tet wer­den sol­len. „Was wir ver­hin­dern wol­len, ist ei­ne er­neu­te Rhei­nal­lee“, sag­te Eck­hardt in An­spie­lung an die ho­hen und mas­si­ven Fass­aden am Zoll­ha­fen. Zu­dem for­der­te er, dass vor dem ge­plan­ten Ar­chi­tek­tur­wett­be­werb ein Ver­kehrs­gut­ach­ten er­stellt wird.

Für Christ­ine Zim­mer (SPD) ist das al­les Ver­zö­ge­rungs­tak­tik. Die CDU wol­le grund­sätz­lich al­les „auf die lan­ge Bank schie­ben“, warf sie der Ge­gen­sei­te vor. Und da auch Gros­se auf ei­ne Ab­stim­mung dräng­te, wur­de der Rah­men­plan ge­gen die Stim­men der Uni­on be­schlos­sen. Als Näch­stes wird nun ein Wett­be­werb für Ar­chi­tek­tur­bü­ros ver­an­stal­tet. Der Aus­lo­bungs­text soll noch die­ses Jahr ver­fasst wer­den.

NEU­BE­SET­ZUNG

Turn­us­ge­mäß schei­den En­de des Jah­res die Pro­fes­so­ren Carl Fin­ger­huth, Mar­kus Neppl und Kers­tin Mol­ter aus dem Pla­nungs- und Ge­stal­tungs­bei­rat aus . Sie wer­den er­setzt durch Pro­fes­so­rin Chris­ta Rei­cher von der Uni­ver­si­tät Dort­mund, Pro­fes­sor Tho­mas J. Meu­rer von der Hoch­schu­le Gie­ßen-Fried­berg und Rei­ner Na­gel, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Bun­des­stif­tung Bau­kul­tur in Pots­dam.

Halb fertig

SCHIERS­TEI­NER BRÜ­CKE: Von Mon­tag an können Pendler, Fußgänger und Radfahrer die erste Hälf­te des Neu­baus nut­zen. Vor­her gibt es übers Wo­che­nen­de noch mal ei­ne Voll­sper­rung.

Allgemeine Zeitung, 16. November 2017, Mario Thur­nes und Ines Klose, MAINZ/WIESBADEN

Da­mals, in den lan­gen Win­ter­ta­gen des Jah­res 2005, er­zähl­ten sich die Men­schen in Mainz und Wies­ba­den ein Schau­er­mär­chen: Da­rü­ber, was wä­re, wenn die Schiers­tei­ner Brü­cke nicht mehr lan­ge durch­hält? Und was, wenn es nicht mög­lich ist, ei­ne neue Brü­cke zu bau­en?

Die­se da­mals durch­aus rea­le Angst ist den Be­wohn­ern der bei­den Lan­des­haupt­städ­te weit­ge­hend ge­nom­men: Die er­ste Hälf­te der neu­en Schiers­tei­ner Brü­cke zwi­schen Mainz und Wies­ba­den steht. Am kom­men­den Mon­tag wird sie für den Ver­kehr frei­ge­ge­ben. Da­nach be­gin­nen der Ab­riss der al­ten und schließ­lich der Bau der zwei­ten Hälf­te der neu­en Brü­cke.

Bau­un­fall sorg­te für schwie­ri­ge Si­tua­ti­on

Was es für das west­li­che Rhein-Main-Ge­biet be­deu­tet hät­te, wenn die Brü­cke dau­er­haft weg­ge­fal­len wä­re, das er­leb­ten Ein­hei­mi­sche und Durch­rei­sen­de im Früh­jahr 2015: Bei ei­nem Bau­un­fall sack­te die oh­ne­hin ma­ro­de Brü­cke ab und muss­te kom­plett ge­sperrt wer­den. Die Sper­rung hielt gut zwei Mo­na­te an. Für die zahl­rei­chen Pend­ler, die täg­lich den Rhein que­ren, bra­chen schwie­ri­ge Zei­ten an – manch ei­ner weiß (s)ei­ne Ge­schich­te aus die­ser Zeit zu er­zäh­len.

Das gro­ße De­sas­ter ist den Pend­lern er­spart ge­blie­ben. Ei­ni­ge Un­an­nehm­lich­kei­ten bringt der Bau den­noch mit sich: Die A 643 wird an die­sem Frei­tag um 21 Uhr zwi­schen Wies­ba­den-Äp­pe­lal­lee und Mainz-Mom­bach voll ge­sperrt. Mon­tags um 5 Uhr soll die Stre­cke dann wie­der frei­ge­ge­ben wer­den.

So­bald der Ver­kehr über die fer­ti­ge, neue Brü­cken­hälf­te rollt, wird die al­te Brü­cke ab­ge­ris­sen. An ih­rer Stel­le ent­steht dann die zwei­te Hälf­te der neu­en Schiers­tei­ner Brü­cke. Die Ge­samt­kos­ten für das Pro­jekt lie­gen bei rund 216 Mil­lio­nen Eu­ro und wer­den vom Bund fi­nan­ziert. Ur­sprüng­lich wa­ren rund 180 Mil­lio­nen Eu­ro ver­an­schlagt. Die Ar­bei­ten hat­ten sich un­ter an­de­rem aus tech­ni­schen Grün­den und we­gen un­güns­ti­ger Wit­te­rung mehr­fach ver­zö­gert. Rund 90 000 Fahr­zeu­ge pas­sie­ren im Schnitt täg­lich die Ver­bin­dung über den Rhein zwi­schen Wies­ba­den und Mainz.

„Wir ge­hen im Au­gen­blick von ei­ner Fer­tigs­tel­lung 2020, 2021 aus“, teilt Hes­sen Mo­bil mit. Die Be­hör­de be­treut für den Bund den Neu­bau. Even­tu­ell wer­de bei ein­zel­nen Bau­ab­schnit­ten Zeit gut ge­macht, sagt ein Spre­cher von Hes­sen Mo­bil. Noch im Sep­tem­ber war die Be­hör­de von ei­ner Fer­tigs­tel­lung der 1280 Me­ter lan­gen Brü­cke in der Mit­te des Jah­res 2020 aus­ge­gan­gen.

Un­ge­wiss ist, wann auf der Sei­te von Rhein­land-Pfalz der sech­spu­ri­ge Aus­bau der A 643 zwi­schen der An­schluss­stel­le Mainz-Mom­bach und dem Drei­eck Mainz star­tet. Der Bund hat­te die­sen ge­gen die da­ma­li­ge rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung durch­ge­setzt. Die­se hat­te ei­ne 4-plus-2-Lö­sung be­vor­zugt. Die Sei­tens­trei­fen wä­ren dann in Stoß­zei­ten für den Ver­kehr frei­ge­ge­ben wor­den. Na­tur­schüt­zer ha­ben mit Kla­gen ge­droht, falls der sechs­spu­ri­ge Aus­bau kommt.

„Nach dem Eng­pass ist vor dem Eng­pass“, sagt der rhein­land-pfäl­zi­sche Ar­chi­tekt und Land­tags­ab­geord­ne­te Gerd Schrei­ner (CDU). Die neue Brü­cke wer­de lan­ge „im Nir­wa­na“ en­den. Es wer­de höch­ste Zeit, dass das Land sei­ne Plä­ne für den wei­te­ren Aus­bau vor­le­ge.

Wenn die neue Brü­cke frei­ge­ge­ben ist, wer­den im Be­reich der Auf- und Ab­fahrt Mom­bach wie­der zwei durch­ge­hen­de Fahr­strei­fen zur Ver­fü­gung ste­hen, wie der Lan­des­be­trieb Mo­bi­li­tät Rhein­land-Pfalz (LBM) mit­teilt. Pend­ler, die aus Wies­ba­den kom­men, kön­nen dann wie­der die Ab­fahrt Mom­bach nut­zen, die seit dem Brü­cken­un­fall 2015 ge­sperrt war. Al­ler­dings wird dann die Auf­fahrt Mom­bach in Rich­tung Wies­ba­den ge­sperrt. Wer aus der Rich­tung Au­to­bahn­drei­eck Mainz kommt oder in die­se Rich­tung will, kann die Ab- und Auf­fahrt Mom­bach wei­ter nut­zen. Auch der neue Geh- und Rad­weg soll laut LBM am Mon­tag frei­ge­ge­ben wer­den. Die­ser war bis­her über ei­nen Trep­pen­turm zu er­rei­chen. Künf­tig wer­de der Weg auf der Main­zer Sei­te über ei­ne bar­rie­ref­reie Ram­pe zu er­rei­chen sein.

Die Sper­rung der Auf­fahrt Mom­bach in Rich­tung Wies­ba­den, teilt der LBM mit, sei not­wen­dig, da die da­für ge­nutz­te Ram­pe nach dem Un­fall 2015 nur für ei­nen kur­zen Zeit­raum er­tüch­tigt wor­den sei. An­fangs wer­de sie noch ge­nutzt, um auf ihr Ab­bruch­mas­sen der al­ten Schiers­tei­ner Brü­cke zu trans­por­tie­ren. Dann wer­de die Ram­pe eben­falls ab­ge­ris­sen und neu ge­baut. „Ins­ge­samt wird mit der Ver­kehrs­um­le­gung ei­ne spür­ba­re Ver­bes­se­rung im heu­ti­gen Eng­pass­be­reich der An­schluss­stel­le Mainz-Mom­bach er­war­tet“, teilt der LBM mit.

Die Mel­dung „Zwei Ki­lo­me­ter Stau auf der A 643 zwi­schen den An­schluss­stel­len Mainz-Gon­sen­heim und Mainz-Mom­bach“ war seit dem Bau­un­fall zum fes­ten Be­stand des Ver­kehrs­funks ge­wor­den. Zum ei­nen wur­de der Ver­kehr ver­zö­gert, weil sich die von der Auf­fahrt Mom­bach kom­men­den Fah­rer in den nach Wies­ba­den flie­ßen­den Ver­kehr ein­fä­deln muss­ten. Zum an­de­ren nutz­ten vie­le, die nach Wies­ba­den woll­ten, so lan­ge wie mög­lich die Ab­fahrts­spur nach Mom­bach. Was am En­de der Spur ein Ein­fä­deln not­wen­dig mach­te.

Der Bau der er­sten Hälf­te der neu­en Schiers­tei­ner Brü­cke be­gann im Sep­tem­ber 2013. Bei­de Hälf­ten wer­den je 21,72 Me­ter breit sein. 65 900 Ku­bik­me­ter Be­ton und 40 900 Ton­nen Stahl sol­len in dem Bau­werk ver­ar­bei­tet wer­den. Die al­te Brü­cke wur­de im De­zem­ber 1962 frei­ge­ge­ben. Sie war Teil ei­ner gro­ßen Ver­kehrs­ent­la­stung der bei­den Lan­des­haupt­städ­te. Am glei­chen Tag wur­de auch die süd­li­che Au­to­bahn­brü­cke zwi­schen Mainz und Wies­ba­den frei­ge­ge­ben, eben­so wie Stre­cken­ab­schnit­te der A671 und der A66.

CHRO­NIK

1955: Die Pla­nun­gen für die Rhein­brü­cke zwi­schen Mainz-Mom­bach und Wies­ba­den-Schiers­tein be­gan­nen. Per­spek­ti­visch wur­de ein Auf­kom­men von 23 000 Fahr­zeu­gen am Tag er­war­tet.

13. Ju­li 1959 : Plan­fests­tel­lungs­be­schluss.

13. De­zem­ber 1962 : Die Brü­cke wird frei­ge­ge­ben.

1970: Die Mit­tel­leit­plan­ke wird in­stal­liert. Zu­vor war es im­mer wie­der zu fron­ta­len Zu­sam­men­stö­ßen ge­kom­men.

Von 1997 bis 2000 : Die Brü­cke wird für 21 Mil­lio­nen Mark sa­niert.

2006 : Ein Gut­ach­ten zu den Ris­sen auf der Fahr­bahn wird er­stellt. Er­geb­nis: Die Brü­cke ist nicht mehr sa­nie­rungs­fä­hig. Schon da­mals quer­ten täg­lich 80 000 Fahr­zeu­ge bei Schiers­tein den Rhein. We­gen des schlech­ten Zu­stands wird die zu­läs­si­ge Höch­stgesch­win­dig­keit von 100 auf 80 Stun­den­ki­lo­me­ter re­du­ziert, drei Jah­re spä­ter dann auf 60.

De­zem­ber 2007 : Der Brü­cken­ent­wurf ei­ner Ar­beits­ge­mein­schaft ge­winnt den Rea­li­sie­rungs­wett­be­werb.

5. Ja­nu­ar 2012: Der da­ma­li­ge hes­si­sche Ver­kehrs­mi­nis­ter Die­ter Posch un­ter­zeich­net den Plan­fests­tel­lungs­be­schluss für den Neu­bau der Schiers­tei­ner Brü­cke.

2. März 2012 : Der da­ma­li­ge rhein­land-pfäl­zi­sche Ver­kehrs­mi­nis­ter Ro­ger Le­wentz un­ter­zeich­net eben­falls.

März 2012 : Mit Baum­ro­dun­gen auf hes­si­scher Sei­te be­gin­nen die Vor­ar­bei­ten.

7. Ju­ni 2013 : Der Auf­trag für den Bau wird ver­ge­ben. Als Kos­ten­vo­lu­men wur­den 174,4 Mil­lio­nen Eu­ro be­kannt ge­ge­ben.

11. Sep­tem­ber 2013 : Der ei­gent­li­che Neu­bau der Brü­cke be­ginnt.

10. Fe­bru­ar 2015 : Nach ei­nem Bau­un­fall sackt die Schiers­tei­ner Brü­cke ab und muss voll­ge­sperrt wer­den.

12. April 2015 : Die Brü­cke wird wie­der er­öff­net, bleibt aber für Fahr­zeu­ge ab 3,5 Ton­nen ge­sperrt.

7. No­vem­ber 2015 : Die Brü­cke wird auch für Lkw wie­der frei­ge­ge­ben.

2020/2021 : Die neue Schiers­tei­ner Brü­cke soll fer­tig sein.